Case Van Duzer

Case Van Duzer

Ein Anfang. Und noch ein Anfang. Drei, vier, fünfhundert Anfänge, die irgendwo in der Erinnerung festhängen oder stapelweise in virtuellen Ablagefächern herumliegen. Wie Akte der Selbstvergewisserung: Ich könnte dies und jenes tun, drei Projekte auf einmal starten, mich ständig selbst neu erfinden. Anfangen ist leicht. Abschließen schwerer. Einen einst begonnenen, bald zur Seite gelegten Anfang später noch einmal aufgreifen und zur Vollendung bringen, das ist eine Mühe, die man sich normalerweise nicht antut. Lieber alles wegwerfen, verschrotten, abreißen, mit irgendwas anderem anfangen.

Case Van Duzer mag Anfänge und Enden und die Mühen, die dazwischen liegen. Alte Songideen, die lange unfertig in einem Zwischenstadium schwebten, im Speicher von alten Synthesizern abgelegt und dann zusammen mit gescheiterten Projektideen verschwunden waren, die bisher nur als Akkordfolge, als einzelne Textzeile oder als vager Gedanke existierten – all das hat Case Van Duzer gesammelt und zu Ende gebracht und zu einem Album gebündelt: »Gift Horsie«.

Die Vorgeschichte reicht weit zurück. Case Van Duzer war sechs Jahre alt, als die Musik wortwörtlich an die Tür klopfte. Schuld an all den Anfängen und damit auch an den elf Enden, die jetzt auf »Gift Horsie« verklingen, war ein Straßenhändler, der in kalifornischen Städten von Haus zu Haus tingelte, um Akkordeons zu verkaufen. Irgendwann später kamen eine Gitarre und ein alter Synthesizer vom Flohmarkt dazu, noch später eine Mandoline.

Die Musik mag bei Case Von Duzer früh mit der Tür ins Haus gefallen sein. Aber es dauerte, bis sie sich daraus wieder hervorwagte, und als sie es tat, klang sie alles andere als plump und laut. Mit ihrem leisen Minimalismus verschleiern Case Von Duzers Songs ihre Dringlichkeit gerade so weit, dass man nicht anders kann, als von diesem Schwebezustand zwischen leicht und schwer fasziniert zu sein – und natürlich von dieser besonderen, brüchigen und doch so starken Stimme.

San Francisco war einst Pilgerstätte für queer folk aus aller Welt. Für Case Van Duzer ist die Stadt im Rückblick nur eine biografische Markierung auf dem langen Weg zur eigenen zärtlich-verqueren Spielart von Folkmusik und Singer-Songwritertum. Seit Jahren ist Case Van Duzer in Berlin zuhause, hier wurde auch das erste Album aufgenommen, »Upscary« aus dem Jahr 2012.

»Gift Horsie« nahm seine endgültige Form im Sommer 2014 an, im Berliner Osthafen-Studio von Lonski & Classen, die auf dem Album als Produzenten und Gastmusiker fungieren. So entstanden aus alten Anfängen vollendete Lieder. Songs voller Textur, Songs mit Borsten. Man spürt etwas, wenn man sie anfasst: Widerstand, lose geknüpfte Assoziationsfäden, weiche Stellen, die man immer noch ein bisschen länger liebkosen möchte.

»Songs schenken mir so viele Bilder, ich sehe sie vor mir wie Filme«, sagt Case Van Duzer. Es sind Filme, die von sterbenden Seelen und wahrhaft Liebenden erzählen, die es schaffen, die Stille eines Zimmers einzufangen, nachdem jemand gegangen ist, oder von der Sehnsucht handeln, sich in eine Blume zu verwandeln.

Es gibt Momente der Erhabenheit, Momente der Trauer, aber sie alle flattern mit solcher Leichtigkeit vorbei, dass man in einem ersten flüchtigen Augenblick meinen könnte, es mit einer Sammlung von Skizzen zu tun zu haben. Erst nach und nach merkt man, wie handfest die Lieder gezimmert sind, gebaut auf Arrangements, die auf ganz leise Art aufwendig und durchdacht sind und sich nie aufdrängen. Plötzlich gurrt irgendwo eine Orgel, die vor dem zehnten Anhören noch gar nicht da war, pfeift im Hintergrund eine Querflöte ihr Lied von Freiheit. Selbst das »Outro« von »Gift Horsie« fühlt sich an wie ein Anfang, der auf immer neue Enden hoffen lässt.

Odell Wants To Be A Flower
The Birds
Little World
Intro / P.B.
Cutters
Broken Parade
In A Left Room
The Long Walk
Lost Scroll Melody
True Lovers
Outro

Reinhören